Medinetz ist erstes anerkanntes Praxisnetz im Land

Der „Medinetz Harz e.V.“ hat die Anerkennung durch die KV Sachsen-Anhalt erhalten. Das Praxisnetzwerk hat 20 ärztliche Mitglieder. Eine Netzmanagerin koordiniert die Aktivitäten. Wann die Idee geboren wurde, wie Kollegen gewonnen wurden und welche Ziele das Netz verfolgt, beantwortet Dr. med. Carola Janschinski, Fachärztin für Innere Medizin/Kardiologie in Halberstadt und Vorsitzende des Medinetz Harz e.V. in einem Interview mit dem Magazin Pro. 

Anerkennung als Praxisnetz. Der Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen-Anhalt, Dr. Burkhard John, überreichte die Urkunde an die Vorsitzende des Praxisnetzes Dr. Carola Janschinski. Foto: Medinetz
Anerkennung als Praxisnetz. Der Vorstandsvorsitzende der KV Sachsen-Anhalt, Dr. Burkhard John, überreichte die Urkunde an die Vorsitzende des Praxisnetzes Dr. Carola Janschinski. Foto: Medinetz

Wann wurde die Idee geboren, ein Praxisnetz zu gründen?

Die Idee ein Ärztenetz zu gründen, gab es bereits 2010. Damals hat die MVZ-Gründung am AMEOS Klinikum in Halberstadt zu Verunsicherungen bei Patienten, aber auch bei uns Ärzten geführt. Unsere Kreissprecherin Elke Lampka, Iris Buller und ich haben das Ganze dann ins Rollen gebracht. Wir haben uns seinerzeit regelmäßig getroffen und festgestellt, dass wir Ärzte in der Niederlassung mehr miteinander reden und unsere Aufgaben bündeln müssen. Und für uns sollte weiter die Patientenversorgung in „Facharztqualität“ im Vordergrund stehen.

 

Wie wurde vorgegangen, Kollegen zu gewinnen?

Wir haben Ärzte des Altlandkreises Halberstadt eingeladen und Treffen organisiert, um zu klären, ob Interesse besteht, wie weiter vorzugehen ist und in welcher Form man sich organisieren

sollte. Das erste Treffen fand im August 2011 statt und bereits im November wurde unser Versorgungsnetzwerk „Medinetz Harz e.V.“ als Verein gegründet.

 

Der Name steht für regionale Versorgung in der Harzregion, auch wenn momentan noch vorrangig Ärzte aus dem Altlandkreis Halberstadt Mitglieder sind – wir stehen allen offen.

 

Unser Netzwerk steht aber nicht nur für Ärzte, sondern für alle Leistungserbringer im Gesundheitswesen, die sich mit unseren Zielen identifizieren können. Vorteile unseres Praxisnetzes Hausärzte und Fachärzte übernehmen unterschiedliche Aufgaben in der Patientenversorgung, haben daher unterschiedliche Formen der Praxisorganisation.

 

Es ist uns wichtig, miteinander zu sprechen, uns unkompliziert über den „kurzen Dienstweg“ auch mit nichtärztlichen Professionen auszutauschen sowie Möglichkeiten der schnellen Erreichbarkeit zu klären. Es geht uns um eine zeitgerechte Patientenversorgung, bei der der Hausarzt und nicht der Patient über die Dringlichkeit entscheidet.

 

Dafür nutzen wir unsere intern abgestimmten Überweisungsmodalitäten. Wir streben an, Doppeluntersuchungen zu vermeiden und die knappen Ressourcen sinnvoll einzusetzen – auch unsere Personalressourcen und unsere Arbeitszeit. Nicht nur unsere Patienten werden älter und die Versorgungsaufgaben komplexer, auch wir werden älter und v. a. weniger und können diese Aufgaben besser in Kooperationen lösen. „Gemeinsamkeit macht stark und Unterschiedlichkeit macht schlau“.

 

Welche Standards haben Sie festgelegt?

Begonnen haben wir mit der Festlegung von Überweisungsmodalitäten – noch bevor es „A-“ und „B“-Überweisungen und Terminservicestellen gab – nach akut: innerhalb von 7 Tagen und dringend: innerhalb von 4-6 Wochen. Inzwischen haben wir zwei Behandlungspfade (Hypertonie und COPD) erarbeitet und hier auch die Aufgaben von Hausarzt, Facharzt und wie im Fall der COPD auch der Klinik verbindlich festgelegt. Das Medinetz organisiert monatliche Qualitätszirkel zu verschiedenen Themen, auch mit den regionalen Klinikärzten, um eine regionale Herangehensweise zu besprechen.

 

Wie entwickeln Sie weitere Standards?

Der Vorstand trifft sich mindestens monatlich, entwickelt neue Ziele und Aufgaben und stellt sie dann auf den vierteljährlichen Mitgliederversammlungen vor. Wir haben immer zu Jahresbeginn

eine zweitägige Klausurtagung, auf der der aktuelle Stand und das weitere Vorgehen besprochen werden. Interessant war ein Zielfindungsworkshop 2015, auf dem unser Netz-Motto „Klasse trotz(t) Masse“formuliert wurde. Auch war er die Basis für die Ableitung unserer Netzziele und Umsetzungsstrategie bis 2020.

 

Eines dieser Ziele war die Professionalisierung unseres Netzmanagements, was wir mit der Anstellung einer Netzmanagerin zum 1. Januar 2016 erreicht haben. Zudem gibt es Arbeitsgruppen, die eigenständig an der Umsetzung unserer Netzziele wirken und praktische Umsetzungsvorschläge erarbeiten. Wir haben Arbeitsgruppen, die eigenständig arbeiten und z.B. die Patienten oder die Öffentlichkeit informieren.

 

Behandlungspfade werden in Arbeitsgruppen erarbeitet, die sich im Vorfeld mit den aktuellen Empfehlungen (Leitlinien) beschäftigen, und dann auf unsere Region umgesetzt. In den Arbeitsgruppen arbeiten Hausärzte, Fachärzte und beim COPD-Pfad auch Klinikärzte miteinander.

 

Inwieweit wird ihr Personal in die Entwicklung mit einbezogen?

Jeder weiß, wie wichtig unsere Arzthelferinnen bzw. MFA für unsere Praxen sind. Auch für die Arbeit des Medinetz Harz braucht es gutes Personal, das die Abläufe kennt und in unserem

Sinn umsetzt. Unser Versorgungsnetzwerk organisiert vierteljährlich einen Schwesternstammtisch“ mit fachlichen und organisatorischen Themen, aber auch Zeit für den Austausch der Helferinnen untereinander.

 

Wie koordinieren Sie die Zusammenarbeit?

Bis 2015 haben sich der Vorstand und die Arbeitsgruppen selbstständig um die Organisation gekümmert und das nach der täglichen Arbeit in der Praxis oder dazwischen. Seit 2016 haben wir eine Netzmanagerin, die alles koordiniert, bei der also die „Fäden zusammenlaufen“. Das ist sehr angenehm und war allerdings auch eine Voraussetzung für die Praxisnetzzertifizierung.

 

Die „Netzmanagerin“, wie wir sie nennen, bereitet die Vorstandssitzungen, Mitgliederversammlungen, Klausurtagungen und Schwesternstammtische vor. Sie unterstützt die Arbeitsgruppen organisatorisch, koordiniert unsere Öffentlichkeitsarbeit und ist damit auch erste Ansprechpartnerin für alle, die mit unserem Netz in Kontakt treten möchten. Sie unterstützt die Kommunikation der Netzmitglieder untereinander, indem sie Praxen und Netzpartner besucht. Und unser netzeigenes Fehlermanagement läuft bei ihr zusammen.

 

Was planen Sie für die Zukunft?

Unser Netzwerk hat schon frühzeitig KV-Safenet und KV-Connect installiert. Wir beteiligen uns an einem Pilotprojekt der KV-Telematik zum E-Arztbrief. Es wäre schön, wenn wir diese Baustelle erfolgreich beenden könnten. Da wir unterschiedliche Praxissoftware nutzen und es leider noch keine einheitlichen Standards der Übertragung gibt, klemmt es immer wieder, v. a. nach den Updates. Gerade die großen Softwarefirmen und -gruppen bekleckern sich da nicht mit Ruhm. Es wäre wichtig, wenn es in absehbarer Zeit eine sichere und dauerhafte Lösung gäbe.

 

Wir wünschen uns, dass auch Krankenhäuser und Rehakliniken diese Form der Befundübermittlung nutzen – mit der Lungenklinik Ballenstedt funktioniert das schon innerhalb unseres Netzes.

 

Wir wünschen uns endlich eine Nutzung der eGK – wie es geplant war – mit wichtigen Patientendaten, den letzten Verordnungen, Röntgen- oder Laborbefunden u.v.m. – auch das hätte Sparpotential, v. a. an Zeit. Ansonsten denken wir über eine „Netzakte“ nach, die die Arbeit v.a. im Vertretungsfall vereinfachen könnte.

 

Ein Ziel, die Anerkennung als Praxisnetz der KVSA nach § 87 b, haben wir, dank unserer Netzmanagerin, schneller als geplant umsetzen können. Wir wollen das Thema weiter verfolgen und streben mittelfristig eine Zertifizierung für die weiteren Stufen an. Das professionelle Netzmanagement bringt tatsächlich Bewegung in unsere Arbeit und wir werden wahrgenommen – nicht nur von unseren Patienten, auch von Gesundheitsdienstleistern und den Krankenkassen.